Sage
Es geschah dieser Tage, als ich das kleine Dorf entlangschritt und die Düfte aus den offenen Haustüren mir entgegenströmten. Verbranntes Reisig, frischer Brotduft und der Geruch aus gelagerten Obstsäcken. Über allem spannte sich ein tiefblauer Himmel und die späte Oktobersonne lockte die Alten auf die Bank vor der Haustüre.
Auf einer solchen Bank, mit dem Rücken an die weißgekalkte Hauswand gelehnt, saß sie, die alte, kurzsichtige Ricke. Sie saß da wie immer und zu jeder Tagesstunde und strickte. Ihr Blick war stets nach innen gerichtet und ich wusste, dass man sich wunderliche Dinge über sie erzählte.
Die Ricke war für mich von je her eine Respektsperson gewesen. Sie hatte etwas an sich, dass Achtung verlangte. Kein Mensch im Dorf konnte genau sagen, warum jedermann die alte Ricke ehrte. Ich hätte nicht gewagt, sie zu stören oder sie zu einem Gespräch aufzufordern. Sie gab sowieso jedermann nur karge Antworten. Der Ton ihrer Stimme war mürrisch.
Dass sie arm war wusste jedermann, denn das Haus in dem sie wohnte, gehörte der Gemeinde. Sie bewohnte eine getünchte Stube und hatte eine kleine Küche.
Die Ricke war eine mittelgroße Frau, die sich bescheiden kleidete. Über ihr graues, schüttes Haar war ein dunkelgrünes, wollenes Kopftuch gebunden.
Eines wusste ich, man durfte die Ricke niemals fragen, warum sie jeden Freitag ihre Stoßkarre 14 Km nach Freudenstadt und 14 Km nach Hause schob, die weite, endlose Landstraße entlang. Es gab ja schon nach 6 Km aufwärts, eine Eisenbahnstation der Kinzigtalbahn. Ricke versah für die Hofbauern den Botendienst nach der kleinen Kurstadt. Frische Landbutter und Eier lieferte sie an die Hotels. Dafür bekam sie ein kleines Entgelt oder Naturalien. Warum aber die alte Ricke lieber zu Fuß ging und ihre Karre schob, das hatte eine Geschichte: Ricke hatte einen einzigen Bruder. Er war ein guter Floßknecht. Als aber die Eisenbahn hinab in das Kinzigtal gebaut wurde, hörte nach und nach die Flößerei auf. Die Eisenbahn beförderte alles rascher und billiger. Rickes Bruder fand keinen Verdienst mehr. Er setzte sich auf die Eisenbahn, fuhr nach Hamburg und von dort aus nach Amerika. Er war fort und es kam niemals mehr ein Lebenszeichen. Auch Rickes Lebensgefährte war dabei.
Ricke wartete Jahr um Jahr. Jahr um Jahr wurde sie stiller. Sie wusste genau, dass die Eisenbahn daran schuld war, dass beide nicht mehr kamen. Sie sagte sich, dass die Eisenbahn eine Teufelskutsche sei, denn sie schnaubte, rauchte und rußte. Es steckte der Teufel darin, der Böse. Die Ricke meinte, wenn sie sich einmal verführen ließe mitzufahren, dann würde es gewiss passieren, dass der Zug im Lauterbad über die Brücke stürzen würde und der Teufel auch sie hole.
Rickes Lebensstraße wurde durch das Altern steiler und ihre Stoßkarre tat zum letzten Mal ihren Dienst. Sie verstarb einsam in ihrem Haus mit einem gebrochenen Herzen und dem Gedanken, dass der Teufel ihr zwei geliebte Menschen genommen hat.
Seit diesem Tag an behaupten einige Bewohner des kleinen Dörfleins, sie würden in der Nacht von Donnerstag auf Freitag den Stoßkarren der Ricke durch die Straßen fahren hören. Man sagt sich, dass die Ricke auch nach ihrem Tode keine Ruhe fand und weiterhin ihren Karren nach Freudenstadt zieht um dem Teufel zu entfliehen.
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